VOANS WEG. VON ARMUT HIN ZUM SCHUTZ DER SCHWÄCHSTEN

SEREY MITARBEITER

In den ländlichen Dörfern Kambodschas geht es oft zuerst ums Überleben, bevor überhaupt Raum für Träume entsteht. Kinder wachsen damit auf, hart zu arbeiten, statt große Zukunftspläne zu entwickeln. Für Voan, eines unserer neuesten Teammitglieder, begann das Leben voller Entbehrungen – lange bevor er echte Hoffnung fand.

Voan wurde 1991 geboren und verlor seine Mutter, als er erst drei Jahre alt war. Sie arbeitete als Krankenschwester in einem Flüchtlingslager und half vielen Menschen in Not, bis sie selbst an Hepatitis B erkrankte und verstarb.
Im Dorf verbreiteten sich Gerüchte, Hexerei hätte ihren Tod verursacht. Manche glaubten sogar, ein Fluch, der eigentlich Voan gegolten habe, sei stattdessen auf seine Mutter gefallen.
Voan wuchs ohne enge Beziehung zu seinen Eltern auf und verbrachte einen großen Teil seiner Kindheit bei seinen Großeltern, während seine Eltern anderswo Arbeit suchten – eine Situation, die für viele Familien in Kambodscha typisch ist. Das Leben drehte sich ums Überleben. Vor der Schule mussten die Kinder Gras für die Tiere schneiden, Wasser tragen und auf den Feldern arbeiten. Die harte Arbeit gehörte selbstverständlich zum Alltag der Kinder. Es fehlte an vielem. Oft hatten sie als Kinder nur eine einzige Schuluniform zwei bis drei Jahre lang.

Als Kind wäre er beinahe an einer Krankheit gestorben. Unterernährt und schwach wurde sein Körper gefährlich dünn. Wie bei jedem Problem in der Familie wandten sich seine Angehörigen an Wahrsager und traditionelle Heiler. Zeremonien wurden durchgeführt. Räucherstäbchen verbrannt. Traditionelle Behandlungen hinterließen Narben auf seiner Haut. Doch sein Zustand verschlechterte sich weiter.
Die Familie fürchtete, er würde sterben.
Voan erinnert sich zurück, dass nach Tagen ohne Nahrung, er endlich wieder zu essen begann – und von diesem Moment an begann seine Genesung.
Sich auf Bildung zu konzentrieren war nicht einfach. Selbst innerhalb der Familie stand er unter Druck, die Schule vorzeitig abzubrechen, um zum Lebensunterhalt beizutragen. Doch trotz aller Hindernisse machte Voan weiter.
Heute blickt Voan anders auf diese Zeit zurück. Was damals wie ein zufälliges Überleben erschien, erkennt er nun als den Beginn einer viel größeren Geschichte.

EINE ANDERE ART VON HOFFNUNG

Während seiner Grundschulzeit kam einmal ein Mann ins Dorf und zeigte einen Film über Jesus. Die Geschichte bewegte Voan tief, obwohl er sie zunächst ablehnte.
Das Christentum erschien ihm fremd. Er mochte Christen nicht, weil sie in seinen Augen einen „ausländischen Gott“ anbeteten. Damals wollte Voan lieber buddhistischer Mönch werden, in der Hoffnung, genügend gutes Karma zu sammeln, damit seine Mutter eine bessere Wiedergeburt erleben könnte.
Doch etwas an der Geschichte von Jesus blieb in seinem Herzen.
Alles begann sich zu verändern, als Voan in die siebte Klasse kam und in ein christliches Wohnheim für Kinder aus armen Familien zog. Zum ersten Mal schien Bildung für ihn wirklich möglich zu sein. Das Wohnheim lag näher an der Schule, es gab regelmäßige Mahlzeiten und eine Atmosphäre von Fürsorge, die er zuvor kaum erlebt hatte.

Doch dann wurde Voans Leben erneut erschüttert.
Mit sechzehn Jahren kletterte Voan auf einen hohen Baum, um Früchte zu pflücken und stürzte. Dabei brach er sich das Bein schwer. Die medizinische Versorgung war damals sehr eingeschränkt. Allein die Auswertung der Röntgenbilder dauerte fünf Tage, und eine angemessene Behandlung war nicht möglich. Die Ärzte glaubten, dass er möglicherweise nie wieder laufen könne.
Seine Eltern brachten ihn schließlich aus dem Krankenhaus zu einem traditionellen Heiler, in der Hoffnung, spirituelle Heilmethoden und traditionelle Nahrung würden ihn heilen. Drei Monate lang konnte er nicht gehen.
Doch der Pastor aus dem Wohnheim besuchte ihn regelmäßig und betete für ihn.
Langsam begann Voan wieder aufzustehen. Eines Tages schaffte er kleine Schritte. Schritt für Schritt lernte er erneut zu gehen – allerdings mit einem Hinken, das ihn bis heute begleitet.
Diese Verletzung veränderte sein Leben für immer.
„Nur Bildung konnte mir Hoffnung geben“, dachte Voan.

Obwohl er monatelang den Unterricht verpasst hatte, kehrte er mit Krücken zurück in die Schule und bestand erfolgreich die siebte Klasse. Andere Schüler verspotteten ihn wegen seiner Behinderung, doch etwas in ihm hatte sich verändert. Eines Tages warf er den Stock einfach weg und zwang sich zu laufen.
In dieser Zeit gab er Gott ein Versprechen: „Wenn Du mich heilst, werde ich Dir mein Leben lang folgen.“

VERSUCHUNGEN, ERKENNTNIS UND EIN NEUER WEG

Nach der siebten Klasse und nachdem Voan Gott immer mehr in seinem Leben erfahren hatte, ließ er sich taufen. Trotzdem war sein Glaube noch zerbrechlich. Im Kreise von Freunden und Familie leugnete er, Christ zu sein, weil er befürchtete, die Ehre seiner Eltern zu verletzen, und sich schämte, sich von seiner Kultur abzugrenzen.
Mit der Zeit wuchs er im Glauben mehr und mehr. Doch je älter er wurde, desto mehr nahmen auch die Versuchungen in seinem Leben zu.
Als Voan in der neunten Klasse war, bekam er ein Jobangebot, illegal auf Fischerbooten in Thailand zu arbeiten. Der versprochene Lohn klang im Vergleich zu dem, was seine Familie in einem ganzen Jahr verdiente, riesig. Solche oft falschen Versprechen über gut bezahlte Arbeit in Städten oder im Ausland gehören bis heute zu den häufigsten Methoden, um Menschen in Menschenhandel und Ausbeutung zu führen. Zum Glück entschied er sich gegen dieses Angebot.

Stattdessen arbeitete er während der Schulferien Tag und Nacht als Wachmann in Phnom Penh, um Geld für zukünftige Prüfungsgebühren zu sparen. In der Stadt begegnete Voan einer anderen Seite Kambodschas: Sucht, Gewalt, Diebstahl, Ausbeutung und Prostitution. Freunde zogen ihn zu Partys, Alkohol und sexuellen Versuchungen. Besonders das Nachtleben in Biergärten und sogenannten KTVs (Karaoke-Bars) ist ein Ort, an dem zahlende Kunden junge Mädchen für Sex finden können. Noch heute ist es erschreckend einfach, sexuelle Wünsche auf Kosten oft sehr junger Frauen zu befriedigen, die sich anders entscheiden würden, wenn sie bessere Perspektiven im Leben hätten.
Doch selbst in diesen Zeiten rief Gott Voan immer wieder zurück.

Als er die Frau kennenlernte, die später seine Ehefrau werden sollte, begann sich sein Leben erneut langsam zu verändern. Er wurde müde von der Leere seines Lebensstils und empfand tiefe Scham über viele seiner Entscheidungen. Während er bei einer Missionars-Familie lebte, entdeckte er seinen Glauben neu und erinnerte sich an das Versprechen, das er Jahre zuvor gegeben hatte, als er nicht mehr laufen konnte. Er schloss die zwölfte Klasse erfolgreich ab und entschied sich, Jesus von ganzem Herzen nachzufolgen.

KÄMPFEN FÜR DIEJENIGEN, DIE KEINE STIMME HABEN

Im Erwachsenenalter begann Voan als Sozialarbeiter in verschiedenen Organisationen gegen Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung zu arbeiten.
Ab 2022 arbeitete er weiterhin verdeckt bei Einsätzen gegen Menschenhandel.
Die Arbeit konfrontierte ihn erneut mit den dunkelsten Realitäten von Ausbeutung – Biergärten, sexuelle Ausbeutung, Menschenhandelsnetzwerke und gefährliche Rettungseinsätze bis hin zu Verfolgungsjagden mit Autos.

Doch anders als früher betrat er diese Orte nun mit einem klaren Auftrag.
Das Aufwachsen in Armut hatte Voan gelehrt, Leid aus eigener Erfahrung zu verstehen. Er hatte Kinder gesehen, die statt Bildung arbeiten mussten. Er hatte Gewalt, Sucht, Hunger und Missbrauch im Dorf- und Stadtleben erlebt. Er wusste, wie Armut, besonders Kinder und junge Frauen macht- und schutzlos macht.
Manche Geschichten haben sich tief in sein Herz eingebrannt – Lehrer, die Schülerinnen für gute Noten sexuell ausnutzten, verzweifelte Familien, die falschen Versprechungen glaubten, um der Armut zu entkommen, und Kinder, die ohne Schutz oder Hoffnung aufwuchsen.
Doch statt sein Herz verhärten zu lassen, wuchs sein Mitgefühl für die Schwachen der Gesellschaft.

„Die Geschichten von Jesus, der sich um zerbrochene und einsame Menschen kümmerte, haben mich verändert“, sagt Voan.

„Ich möchte Kinder und junge Menschen schützen, die nicht für sich selbst kämpfen können. Und ich wünsche mir, dass mein Volk denselben Gott kennenlernen darf, den ich heute kenne.“
Heute trägt Voan sowohl Narben als auch Hoffnung in seine Arbeit hinein.
Jedes schwierige Kapitel seines Lebens – von Armut und Krankheit bis hin zu Versuchung und Zerbruch hat geprägt, wie er heute anderen dient. Seine Geschichte ist keine Geschichte von Perfektion. Es ist eine Geschichte von Rettung, Durchhaltevermögen und Gnade.
Und genau diese Gnade führt ihn nun dazu, gemeinsam mit unserem Team von SEREY an der Seite einiger der verletzlichsten Menschen Kambodschas zu stehen.

Wir sind sehr dankbar, ihn als neues Teammitglied bei uns zu haben, und freuen uns darauf, gemeinsam gegen Menschenhandel und Ausbeutung in Kambodscha einzustehen.


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